Karajans Enkel

Neue Zürcher Zeitung
27-November-08
by Jürg Huber

Eivind Gullberg Jensen und Richard Goode in der Zürcher Tonhalle

Es war bald zu ahnen: Diesem Dirigenten darf man sich getrost anvertrauen, da er selbst im dreifachen Forte das erträgliche Mass nie verlieren würde. Mit einer genauen Klangvorstellung brachte Eivind Gullberg Jensen Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 5 in d-Moll zu beeindruckender Darstellung. Zugespitzte Tempi, etwa im Allegro-Teil des Kopfsatzes, sorgten für Dramatik, während das Largo dazu einlud, in der schieren Schönheit der Streicher zu schwelgen.

Doch wo blieb das Herzklopfen angesichts der Tatsache, dass da einer in den dunkelsten Stalin-Jahren um sein Leben geschrieben hatte? Gullberg Jensens klangverliebte Deutung, die an jene einst von Herbert von Karajan perfektionierte Ästhetik erinnerte, vermochte die Brüchigkeit unter der polierten Oberfläche kaum aufzudecken. Dem Crescendo der trillernden Holzbläser etwa, mit dem das Finale anhebt, war die giftige Spitze gebrochen, den folgenden Pauken fehlte die Schärfe, so dass sich der Schlusssatz ohne existenzielle Gefährdung entfaltete. Entsprechend aufgeräumt war die Stimmung nach getaner Arbeit auf dem Podium wie im Saal der Zürcher Tonhalle. Das Publikum feierte zu Recht sein Orchester mit den hervorragenden Solisten, allen voran die Flötistin Sabine Poyö Morel, die so manche Kantilene vergoldet hatte.

Bereits in "Les offrandes oubliees" waren Klangästheten auf ihre Rechnung gekommen. Das Frühwerk von Olivier Messiaen, dessen Geburtstag sich am 10. Dezember zum hundertsten Mal jährt, nimmt schon viele Züge seiner grossen Orchesterpartituren vorweg, die Gullberg Jensen mit viel Sinn für deren Schönheit herausarbeitete. Ebenso kultiviert erklang Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert in B-Dur KV 456. Im Verlaufe der drei Sätze entspann sich zwischen dem Solisten Richard Goode und dem Tonhalle-Orchester ein gediegenes Musizieren, das ganz offensichtlich von gegenseitiger Sympathie getragen war und besonders im abschliessenden Rondo zu einem lebendigen Wechselspiel führte.

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