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Mann der Tat Der norwegische Dirigent Eivind Guldberg Jensen ist mehr als nur der perfekte Einspringer
Süddeutsche Zeitung
3-July-10
Klaus Kalchschrmid
"Es ist heiß hier in München,Dudamel man viel trinken", sagt Eivind Gullberg Jensen mit breitem Lächeln und sieht mit seinen schweißnass gekringelten schwartzen Locken fast aus wie das skandinavishe Pendant zu Gustavo Dudamel. Wer erlebt, mit welcher Energie der Norweger in der Philharmonie die zweite Symphonie von Jean Sibelius und " Finlandia" für die Konzerte mit den Münchner Philharmonikern am Sonntagvormittag und am Montag proby, ist davon ebenso verblüfft wie von seinem pädagogischem Eros. Von der Ökonomie, Akribie und Verbindlichkeit, mit der der 37-Jährige korrigiert und obt, selbst darin außerordentlich freundlich bleibt, wenn er mehrfach unterbrechen muss; "Bitte direkt bei 0 wie Oslo!"
"Liebe auf den ersten Blick" titelte eine Münchner Zeitung, als Jensen im Januar 2008 bei Sibelius' erster Symphonie mit den Philharmonikern für einen erkrankten Kollegen eingesprungene war mit nur einer Probe plus Generalprobe, und in einer Aufführungsserie nach dem zweiten Konzert! Jensen macht darum wenig Aufhebens: "Dieses Orchester hat einen so wunderbaren, vollen Klang, dass man vom Startpunkt ausgehend sehr schnell das Ziel erreichen kann. Dieser Abend mit dem zweiten Cellokonzert von Schostakowitsch und eben Sibelius war wegen der spürbaren Energie eines meiner aufregendsten Erlebnisse in diesem Jahr." Die Intensität des jungen Norwegers mit der ungemein präzisen, dabei ebenso lebendigen Schlagtechnik überträgt sich da wohl auf jeden Einzelnen. Und beide Seiten geben sich wechselseitige Impulse. Auch ein Einspringen beim Orchestre National de France mit der Sechsten von Dmitri Schostakowitsch, deren Partitur er in einer schlaflosen Nacht vor der ersten Probe erst lernen musste, meisterte er ebenso unerschrocken wie erfolgreich.
Zaghaft war Eivind Gullberg Jensen wohl noch nie, sondern immer schon ein Mann der Tat, den man ins kalte (Fjord-)Wasser werfen konnte, oder besser, der selbst sprang; Nach der Schule arbeitete der kaum 20-Jährige als Grund-schul- und Musikschullehrer, ohne je eine Ausbildung dafür gemacht zu haben; er begann mit Eiern Mathematikstudium, weil der Vater dieses Fach lehrte, und er nie Probleme damit hatte. Aber dann brach sieh doch die Musik Bahn, mit der Geige und ein bischen Trompete. Aber auch mit dem Dirigieren "begann ich immer mehr zu flirten, machte oft in den vielen Orchestern, in denen ich spielte, die Stimmproben der Geigen und war schon immer mehr an Orchester- als an Kammermusik interessiert."
Nach drei Jahren in Trondheirn begann Jensen 1996 dann beim berühmten Jorrna Pamula in Stockholm Dirigieren zu studieren. Danach kam die Karriere schnell in Schwung. Bald steht das Debüt bei den Berliner Philharmonikern an, Gastkonzerte mit dem Orchestre National de Paris und die Fortsetzung der intensiven Arbeit mit dem Oslo Philharmonic Orchestra folgen. Aber auch in der
Oper machte Jensen Furore mit "Tosca" in Baden-Baden, Verdis "Il Corsaro" und Martinus "Griechische Passion" in Zürich sowie Janaceks "Jenufa" an der National Opera in London. Musiktheater macht er freilich vorerst nur noch in Oslo zuletzt war das "Rusalka", bald folgt "Eugen Onegin". Der Weg zur Familie nach Bergen ist da nicht so weit, denn so sehr Jensen die Oper liebt ("Sie ist wie ein Droge"), äußerst zeitaufwendig ist sie doch. Und weil er nun seit einem Jahr Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie Hannover ist, hat Jensen dort viele Aufgaben, zu denen sich auch eine Menge Papier auf seinem Schreibtisch stapelt.
Die Probenarbeit für Symphoniekonzerte gestaltet sich da einfacher, vor allem weil anders als in der Oper keine wechselnden Besetzungen, sondern immer dieselben Musiker spielen. "Mit ihnen kann ich in ein paar Tagen die Werke eines Abends stringent erarbeiten. Und dabei gehe ich nach einer Prioritätenliste vor. Was sind die schwierigsten Stellen, was muss ich jetzt korrigieren, was könnte sich von selbst klären, was machen ich später? Wo ist zu viel Vibrato, wo stimmt eine Phrase noch nicht, wo sollte die Musik eher, 'unterstromig' klingen, wo muss sie Initensität besitzen?" Eivind Gullberg Jensen weiß genau, dass für ein Orchester, das seinen Brahms oder Beethoven perfekt beherrscht, eine Sibelius-Symphonie immer noch ungewohnt ist. "Sie hat sie viele Ecken und Kanten, mit denen man fertig werden muss. Aber ich weiß, dass ich bei diesem Orchester sehr schnell bekomme, was ich will."
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