 |
  
 |         
|
Gibt es unzeitgemäße Musik?
Badische Zeitung
15-January-09
Der Konzertabend ist noch ziemlich jung, da beginnt man zu räsonieren. Darüber, ob es eigentlich zeitgemäße oder unzeitgemäße Musik geben kann. Und was es dann wäre, was zum Beispiel das Zeitgemäße ausmachte, im Kontext zu ihrer Zeit. Nehmen wir zum Beispiel den schwedischen Komponisten Anders Hillborg, Jahrgang 1954, mit dessen Stück "Liquid Marble" (Flüssiger Marmor) das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg seinen Abend unter dem norwegischen Gastdirigenten Eivind Gullberg Jensen im Freiburger Konzerthaus eröffnet: ein Vertreter einer mittleren Komponistengeneration, die sich von Schulen losgesagt hat. Dass Hillborg alles andere als ein Dogmatiker ist, zeigt sein umfangreiches, spartenübergreifendes Œuvre, das auch in die Bereiche Pop und Film hineinreicht. Bei "Liquid Marble" von 1995 käme man möglicherweise gar nicht auf die Idee, dass hier ein Schüler Bryan Ferneyhoughs am Werk ist.
Ähnlich einer spätromantischen Tondichtung beschreibt das Stück Stimmungen und Prozesse – das Fließen und Erstarren von Lava. Das ist alles andere als modern im Sinne von avantgardistisch, schon mit Blick auf das Instrumentarium, bei dem Hillborg auf jedes Schlagwerk verzichtet. Man könnte solches oberflächlich als unzeitgemäß werten, zöge einen diese Musik dank ihrer beinahe charismatischen, ungemein komplexen, handwerklich hinreißenden Übersetzung von Fließ- und Erstarrungsprozessen mit raffinierten, sirenenartigen Klarinetten glissandi und diffizilen Streicherchromatiken nicht so sehr in ihren Bann. Wie auch deren kraftvolle, detaillierte Umsetzung durch das SWR-Sinfonieorchester, das von Eivind Gullberg Jensen wertvolle Impulse erfährt.
Der Dialog von Solist, Dirigent und Orchester ist von erlesener Qualität
Besonders delikat ist das beim feinen Abschattieren musikalischer Phrasen, das die Interpreten gerade auch bei Edward Elgars Cellokonzert pflegen – zweifelsohne auch einem Opus, dem der Vorwurf des Unzeitgemäßen widerfahren könnte. Dass das allenfalls ideologischer Starrsinn wäre, zeigt nicht zuletzt der Solist Truls Mørk. Der norwegische Cellist fühlt Elgars spätestromantischer musikalischer Depression und Trauer so sensibel nach, dass man es empathisch nennen könnte. Sein eindringlicher, aber nie aufdringlicher Ton, sein untrügliches Gespür für die Logik von Phrasierung und Dynamik weisen ihn als echten Kammermusiker aus – was auch seine Zugabe, ein Satz aus Benjamin Brittens Zweiter Cello-Solosuite, fühlbar macht. Und der Dialog mit Dirigent und Orchester ist von erlesener Qualität, etwa wenn Solist und Cellogruppe im Schlusssatz traumwandlerisch mit einer Stimme sprechen.
Wenn vom Unzeitgemäßen die Rede sein soll, dann am ehesten berechtigt vielleicht noch bei Tschaikowskys "Manfred"-Sinfonie. Dass hier eine zutiefst frühromantische Haltung weit über ein halbes Jahrhundert später einen (erneuten) musikalischen Kommentar erfährt, ist vielleicht noch vernachlässigenswert; doch die zähe, dick fließende Instrumentation dieses Opus und seine monumentale Haltung einschließlich der von Orgelklängen gestützten Apotheose lassen diese Musik heute obsolet wirken; möglicherweise war sie es schon damals, 1886, zu ihrer Uraufführung. Gullberg Jensen und das Orchester indes verschließen sich nicht dem Bad in romantischer Opulenz, sondern tun das wohl einzig Richtige: Sie lassen Tschaikowskys Pathos und Weltschmerz größtmögliche Opulenz angedeihen. Dass Tschaikowsky trotz allem ein Meister der Stimmungen und des Illustrierens ist – das macht der mit großem Beifall bedachte Abend in jedem Fall klar.
[back to reviews]
|
|
|
 |