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Hochspannung pur mit der NDR Radiophilharmonie Eivind Gullberg Jensen und die NDR Radiophilharmonie werden in Bergen gefeiert
Hannoversche Allgemeine Zeitung
7-June-10
Für die Mannschaft war es ein Auswärtsspiel, für ihren Trainer zugleich auch ein Heimspiel. Und für beide ein eindeutiger Sieg, der zwar nicht ganz unerwartet kam, in dieser Höhe aber doch sehr eindeutig ausfiel.
Nun sind Auslandseinsätze auch für die NDR Radiophilharmonie nichts Neues.Gerade erst war man in Österreich und Italien unterwegs. Übernächste Woche geht es nach Südamerika, ehe eine reiche bis übervolle Saison zu Ende geht. Aber etwas Besonderes ist es schon, wenn ein ausländischer Chefdirigent sein hannoversches Orchester in seine Heimat mitnimmt.
So wie es Eiji Oue, der langjährige Chefdirigent, zweimal mit Japan gemacht hat. Und wie es sein norwegischer Nachfolger Eivind Gullberg Jensen jetzt mit seiner Heimatstadt Bergen vorgeführt hat. Wobei in Bergen noch eine spezielle Prüfung zu meistern war, denn hier stand Edvard Griegs Klavierkonzert auf dem Programm. Und das gehört zum nun auch schon traditionsreichen Bergen International Festival wie das Amen in der Kirche.
Jahrzehnte lang war es als Programmpunkt für das Auftaktkonzert gesetzt, bis der derzeitige Festspielintendant Per Boye Hansen den Spiel-Platz für das hier so überaus populäre Konzert des in Bergen geborenen Edvard Grieg freigab. Seitdem ertönt es gerne auch zum Ende des Festivals.
Boye Hansen scheute im Schumann-Jahr beim 58. Bergen Festival nicht einmal den direkten Vergleich zum Schumann-Konzert, das ebenfalls in a-Moll steht und dem Schumann-Bewunderer Grieg offenbar als Vorbild diente. Für alle Fälle hatten die Hannoveraner mit der Pianistin ¬Gabriela Montero eine Solistin dabei, die solch harte Nüsse knacken kann.
Danach hörte es sich bei der Probe noch nicht an, denn die temperamentvolle Argentinierin stocherte in ihrem Steinway-Flügel herum, als wollte sie herausfinden, wie ihre Grifftechnik denn nun zu diesem Instrument passen sollte. Was stellenweise wie eine jener Improvisationen klang, für die Montero berühmt ist.
Auch die NDR Radiophilharmonie, die erst gegen 13 Uhr mit einer Chartermaschine im ausnahmsweise sonnigen, aber kühlen Bergen eingetroffen war, musste sich an die Akustik in den ebenfalls kühlen Grieg-Hallen erst gewöhnen. Dieser Konzertsaal klingt zwar doch nicht ganz so spröde, wie er des Betoncharmes der frühen siebziger Jahre wegen aussieht.
Die Orchestergruppen hören sich sogar sehr gut, aber die tänzerische Lockerheit von George Enescus Rumänischer Rhapsodie Nr. 1 wirkt doch zu einstudiert, bei der Berlioz-Sinfonie hakt es an Stellen, die man am Donnerstagabend in Hannover bestens gemeistert zu haben glaubte. Nur Gabriela Montero strahlt am Klavier alle Souveränität dieser Welt aus. Und sollte das am Abend auch einlösen. Zunächst aber zeigt dann die NDR Radiophilharmonie, wie präzise sie ihre Leistung abrufen kann. Und Gullberg Jensen serviert die Enescu-Rhapsodie mit entwaffnendem Draufgängertum. Viele Dirigenten verkleiden deren folkloristische Elemente gerne sinfonisch, weil sie (wie Gullberg Jensen hinterher im Gespräch erklärt) das Zigeunerhafte verstecken wollen.
Hier aber wird getanzt und getänzelt. Gullberg Jensen bremst ab und zieht an – und das Orchester geht fabelhaft mit. Manchmal gibt er dem sprichwörtlichen Affen so viel Zucker, dass Diabetiker im Saal akut bedroht sein müssten, man fährt volles Risiko, aber das alles funktioniert glänzend. So ist das Orchester dann auch ein geistesgegenwärtiger Partner für eine pracht- und kraftvolle Pianistin. Montero sieht nicht nur aus wie eine junge Martha Argerich, sie spielt auch ähnlich.
Das ist molto maestoso, doch die Argentinierin beherrscht nicht nur den packenden und zielsicheren Zugriff, sie findet auch Inseln der Traumverlorenheit. Sie legt Läufe wie matte Perlenketten zwischen die immer kontrollierten Affektausbrüche: Hochspannung pur, die sich in Begeisterung entlädt. Für die sich Gabriela Montero mit ihrer Spezialität revanchiert: Sie lässt sich aus dem Publikum Melodien zurufen und improvisiert darüber. Hier stimmt das Bergener Publikum textsicher die Bergen-Hymne an, deren Melodie Montero dann zu einer bravourösen Bach-Piece macht. Und aus einem Kinderlied zaubert sie eine Etüde nach Liszt-Manier. Das ist fabulös. Und hat seinen Preis. Denn nach der Pause ist die innere Spannung erst einmal weg.
Das Orchester geht die "Sinfonie fantastique" zwar hoch konzentriert an, das ist alles richtig, aber es stimmt noch nicht ganz. Manches wirkt noch zu gehetzt, zu (über-)inszeniert. Doch in der Ballszene entwickelt sich Lockerheit. Und spätestens die drogenrauschhaften beiden letzten Sätze entfalten Sogkraft. Die Holzbläser demonstrieren, wie plastisch sie artikulieren, das Blech tönt sicher und stark, das Schlagzeug feuert punktgenau, die Streicher glänzen. Die Begeisterung kann erst mit dem zugegebenen Nachtstück – natürlich vom Ortsheiligen Edvard Grieg – ein wenig beruhigt werden.
Es war ein langer Abend in Bergen. Und ein großer Abend. Die Hannoveraner und ihr neuer Chef haben zum Abschluss ihrer ersten gemeinsamen Saison allen gezeigt, wo der Hammer hängt. Oder wie man in Hannover neuerdings sagt: verdammte Axt. Das NDR Fernsehen zeigt vom 14. Juni an in der Sendung "Niedersachsen 19.30" eine fünfteilige Serie über das Jubliäum der NDR Radiohilharmonie – inklusive Bergen-Gastspiel.
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