Ein Wahrheitssucher

Peiner Allgemeine Zeitung
12-May-08
by Rainer Wagner

Eivind Gullberg Jensen, künftiger Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie, überzeugt in Baden-Baden mit "Fidelio"

So ist das mit der Gerechtigkeit. Wer recht hat, bekommt nicht automatisch recht. Er braucht einen Fürsprecher, der die guten Argumente überzeugend vorbringt. Das gilt auch für die Oper. Wenn da Bild und Ton sich widersprechen, wenn die Inszenierung klüger sein will als die Musik, dann könnte die innere Wahrhaftigkeit der Musik siegen – wenn man sie ausspielen kann.

Ein solcher Glücksfall war jetzt in Baden-Baden zu besichtigen. Dass Junggegisseur Chris Kraus es dem ebenfalls jungen Dirigenten Eivind Gullberg Jensen mit platten Einfällen leicht gemacht hat, schmälert die Leistung Gullberg Jensens nicht, der im nächsten Jahr neuer Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie wird.

Entstanden ist diese Koproduktion der Pfingstfestspiele Baden-Baden mit den Opernhäusern in Madrid, Ferrara und Modena, wo Daniele Abbado Theaterchef ist und seinen Vater Claudio Abbado engagieren konnte. Der wählte dann den jungen Norweger Eivind Gullberg Jensen als Juniorpartner. Zusammen erarbeiteten sie diese Interpretation in Italien, wo Gullberg Jensen auch eine Aufführung leitete. Jetzt in Baden-Baden übernahm Abbado die ersten beiden Aufführungen, die beiden anderen leitete Gullberg Jensen – mit einer anderen Leonore: der in Hannover noch nicht vergessenen Gabriele Fontana.

Schon mit den ersten Takten im Baden-Badener Festspielhaus signalisiert Gullberg Jensen, dass es spannend wird. Die "Fidelio"-Ouvertüre beginnt mit einem vorwärts stürmenden Signal, das abrupt stoppt – und jetzt entscheidet sich zwar nicht alles, aber viel. Das Vorwärtsstürmen muss organisch sein, nicht bloß organisiert, das Atemholen muss beredt schweigen. Da geht es um Sekundenbruchteile – und wenn es gelingt, dann gelingt viel.

Das Mahler Chamber Orchestra musiziert, als ginge es nicht nur um Florestans Leben, das Fidelio retten will. Die Streicher sind oft harsch, die Hörner wunderbar weich, die Holzbläser eloquent, alles klingt frisch, aktuell, belebt. Und Gullberg Jensen ist nicht nur ein souveräner Koordinator – das wäre das Mindeste, was man erwarten darf. Er hat ein erstaunliches Gespür für die richtigen Tempi. Das wunderliche "Mir ist so wunderbar"-Quartett erzählt vom Ton gewordenen Staunen der Beteiligten, die leicht etwas banal wirkende "Gold"-Arie Roccos wird durch zügiges Erzählen von der Banalität fern gehalten. Der Marsch zum Auftritt des tyrannischen Pizarro ist wirklich bedrohlich, der Gefangenenchor bewegt und meidet doch Betroffenheitsklischees.

Ein vermeintliches Problem jeder "Fidelio"-Aufführung ist die Diskrepanz zwischen der Singspielstimmung der Einleitung und dem (nach dem Quartett einsetzenden) Befreiungsdrama. Regisseur Chris Kraus will das auflösen, indem er den Streit zwischen Marzelline und ihrem Nichtmehr-Bräutigam Jaquino nicht im Bügelzimmer oder einem anderen Hausarbeitsraum spielen lässt, sondern im Hinrichtungstrakt des Gefängnisses, in dem die beiden wacker die Guillotine putzen.

Chris Kraus hat sich als Filmregisseur schnell einen Namen gemacht: Sein Erfolg "Vier Minuten" handelt immerhin – auch – von Musik. Doch mit Oper hatte Kraus bislang nichts im Sinn, er bekannte vor seinem Opernregiedebüt fröhlich, weder "Fidelio" zu kennen noch jemals in einem Opernhaus gewesen zu sein. Womit er gleich mehrere Trends des modischen Musiktheaters bedient: Er kommt vom Film, und er inszeniert seine erste Oper. Avanti Debütanti. Nur wird daraus allzu oft ein Avanti Dilletanti. Dass Kraus Chöre nicht führen kann, überrascht wenig.

Dass große Gesten vorzugsweise hohl wirken, ist leider oft Opernalltag, aber problematisch ist an diesem Abend, dass Kraus nicht an die Utopie des Stücks glaubt. Er konterkariert den Sieg der Aufklärung gleich doppelt: Der Minister, der die Freiheit bringt, ist hier ein Kardinal. Und dem Bösewicht Pizarro wird nicht einmal kurzer Prozess gemacht, sondern er wird gleich zum Schafott geführt. Zum Schlussjubel wachsen im Hintergrund die Guillotinen gleich in Mehrzahl in den Himmel. Ende der Aufklärung.

Nur gut, dass die Musik weiß, was vielleicht nicht Sache ist, aber doch Sache sein sollte, was den Utopisten, den Aufklärer, den Wahrheitssucher Beethoven bewegte. Und die Wahrheit liegt in der Musik. Dazu gehört auch, dass Gabriele Fontanas Fidelio/Leonore die Rezitative prägnant ausformuliert, aber in ihrer großen Arie und im Schlussjubel nie ausblendet, wie grenzgängerisch diese Partie komponiert ist.

Clifton Forbis gibt den politischen Gefangenen Florestan mit viel Kraft, Albert Dohmens Pizarro wird durch den Regieunfug, mal mit dem Rollstuhl, mal auf Krücken und mal hinkend dem Bösen Stimme verleihen zu müssen, leicht abgelenkt. Solide die Mitstreiter und die Chöre, aber der Star des Abends ist das zu Recht bejubelte Mahler Chamber Orchestra und sein Dirigent.

Wer Gullberg Jensen als Operndirigenten erleben will, kann sich schon mal vormerken, dass der Dirigent demnächst Janáceks "Jenufa" in London leiten wird. Oder er wartet, bis Gullberg Jensen sich im Herbst 2009 als neuer Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie vorstellt. Eine ganze konzertante Oper ist da zwar (noch?) nicht eingeplant, aber Oper konzertant wird dabei sein. Noch darf er nicht verraten, was es sein wird, aber der bekennende Puccini-Interpret Gullberg Jensen wird sich in Hannover von einer mythenschwereren Seite zeigen.

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