Spätromantiker unter sich

Badische Zeitung
5-March-10
von Alexander Dick

Nur ein kleines Zahlenspiel: Als der finnische Komponist Jean Sibelius zur Welt kam, 1865, war sein russischer Kollege Peter Iljitsch Tschaikowsky 25 Jahre alt und hatte möglicherweise die Idee zu seiner ersten Sinfonie schon im Kopf. Als er starb, 1957, war Wolfgang Rihm, der Olympier unter den deutschen Tonsetzern seiner Generation, immerhin schon fünf, und dachte vermutlich noch nicht an "Coll'Arco", seine "vierte Musik für Violine und Orchester"...

Erhellend ist die Kombination der drei Komponisten in einem Freiburger SWR-Sinfoniekonzertprogamm trotzdem. Denn wie ein roter Faden zieht sich eine spätromantische Leidenschaftlichkeit von tragischer Schwere durch den Abend und man vergisst beinahe, dass die Schöpfungsspange der drei Werke anderthalb Jahrhunderte umfasst. "Coll'Arco", entstanden 2007/2008 und im vergangenen Herbst mit dem Leipziger Gewandhausorchester und der Geigerin Carolin Widmann uraufgeführt, ist in der Tat eine Musik über einen riesigen, mit romantischer Leidenschaft unterfütterten Bogen (Arco). Auch wenn Rihm die Solistin mit drei ausladenden Pizzicati beginnen lässt – es ist nur die kurze Introduktion zu einer Musik, in der das Punktuelle, rhythmisch Dominierte trotz aller Komplexität des Kontrapunkts einzig im Dienste des Melodieflusses ist. Die Widmungsträgerin ist die denkbar beste Interpretin für den, im übrigen denkbar schwierigen, Instrumentalgesang: Mit Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit, festgemacht an exzellenter Bogentechnik und innigem, kräftig strukturiertem Ton, schwebt Carolin Widmann im Konzerthaus durch die Partitur und macht zusammen mit dem ebenso berührend begleitenden SWR-Sinfonieorchester die klangliche Nähe von Rihms Werk zur Mutter aller modernen Violinmusiken deutlich: Alban Bergs Violinkonzert.

Satten, spätromantischen Klang im nordisch-depressiven Gewand hatten die Musiker unter ihrem Gastdirigenten Eivin Gullberg Jensen schon zuvor mit Sibelius' düsterer Tondichtung "Pohjolas Töchter" im Gepäck. Hier und auch nach der Pause in Tschaikowskys Erster fanden die Interpreten zu berückendem Farbenreichtum. Der (studierte) Geiger Gullberg Jensen gewinnt gerade den Streichern eine kollektive Leidenschaftlichkeit ab, wie man sie oft nur noch von historischen Aufnahmen her gewöhnt ist. Gleiches gilt auch für die Rubati und Temposchwankungen, in denen sich ebenfalls höchste Emotionalität niederschlägt. Spätromantiker unter sich.

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